Nicolas Biagosch: Ausbau mobiler Breitbandnetze erfordert Regulierung mit Augenmaß

Im gerade erschienenen Jahrbuch des VATM (Verband der Anbieter von Telekommunikations- und Mehrwertdiensten e.V.) kommentiert Nicolas Biagosch, Präsidiumsmitglied VATM, CEO simyo GmbH und Mitglied der Geschäftsleitung der E-Plus Mobilfunk GmbH & Co. KG, die Breitbandentwicklung im Mobilfunk:

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Nicolas Biagosch, Präsidiumsmitglied VATM, CEO simyo GmbH und Mitglied der Geschäftsleitung der E-Plus Mobilfunk GmbH & Co. KG

Die vier Mobilfunknetzbetreiber befinden sich derzeit in einer Hochinvestitionsphase, in der sie ihre Datennetze massiv ausbauen, um der wachsenden Nachfrage nach breitbandigen Mobilfunkanschlüssen nachzukommen. Auch ländliche Gebiete werden in zunehmendem Maße mittels LTE bei 800 MHz und HSPA bei 900 MHz erschlossen. Damit tragen die Mobilfunknetzbetreiber erheblich zur Erreichung der Breitbandstrategieziele der deutschen Bundesregierung bei. Gleichzeitig sind die vier deutschen Mobilfunknetzbetreiber einem stetig zunehmenden Wettbewerbsdruck durch mobilfunkfremde, teilweise äußerst verhandlungsstarke und weltweit agierende Unternehmen (so genannte „Over the Top-Player“) ausgesetzt, die zu erheblichen Umwälzungen des Marktes führen. Ursache dafür ist die Konvergenz von Internet und Telekommunikation, von der durchaus neue Marktimpulse zum Nutzen der Verbraucher ausgehen.

Angesichts dieser Konvergenzentwicklung ist jedoch die Frage zu stellen, ob die deutschen Mobilfunknetzbetreiber und die „Over the Top-Player“ chancengleich konkurrieren können. Im Gegensatz zu den „Over the Top-Playern“ sind die Mobilfunknetzbetreiber nämlich einer wachsenden Anzahl gesetzgeberischer und regulatorischer Maßnahmen ausgesetzt. Einige Beispiele: 2010 mussten die deutschen Mobilfunknetzbetreiber erhebliche Aufwendungen für die in der Frequenzauktion ersteigerten Frequenzen tragen. Im selben Jahr mussten sie eine teilweise mehr als 50 Prozent umfassende Absenkung der Mobilfunkterminierungsentgelte verkraften. Derzeit lässt die Bundesnetzagentur ein analytisches Kostenmodell entwickeln, auf dessen Basis möglicherweise weitere erhebliche Absenkungen der Mobilfunkterminierungsentgelte festgelegt werden, die bereits Ende 2012 in Kraft treten könnten.

Im Bereich des International Roaming wurden im Jahr 2010 die EU-Preisobergrenzen für Roaming-Dienstleistungen zum wiederholten Male abgesenkt; 2011 kamen weitere Absenkungen hinzu. Mit der 2012 zu erwartenden Roaming-III-Verordnung wird sich dieser Trend fortsetzen – zusätzlich sind sogenannte „strukturelle Lösungen“ für den europäischen Roaming-Markt geplant, deren Umsetzung die Netzbetreiber wiederum viele Millionen Euro kosten wird. Schließlich wird 2012 die TKG-Novelle eine Reihe von Regelungen bringen, die zu Umsatzeinbußen und hohen Implementierungskosten für die gesamte Branche führen werden (Beispiel „Kostenlose Warteschleifen“).

Unabhängig von der Frage, ob die einzelnen gesetzgeberischen und regulatorischen Maßnahmen isoliert gesehen gerechtfertigt sind, droht diese Vielzahl an Maßnahmen die Investitionsfähigkeit der Mobilfunknetzbetreiber signifikant zu beeinflussen. Seitens der Monopolkommission wurden deshalb bereits negative Auswirkungen auf die Wettbewerbsstruktur im deutschen Mobilfunkmarkt befürchtet. Eine Regulierung, die der Sicherstellung chancengleichen Wettbewerbs, der Wahrung der Verbraucherinteressen und der Forderung effizienter Infrastrukturinvestitionen gerecht werden will, darf deshalb nicht „scheuklappenartig“ auf Einzelmaßnahmen fokussieren. Es gilt vielmehr, die Gesamtheit der gesetzgeberischen und regulatorischen Eingriffe auf nationaler und europäischer Ebene im Blick zu haben und die Einzelmaßnahmen zeitlich und inhaltlich aufeinander abzustimmen.

2 Gedanken zu „Nicolas Biagosch: Ausbau mobiler Breitbandnetze erfordert Regulierung mit Augenmaß

  1. Guten Tag Herr Hartmann,
    vielen Dank für die Anmerkungen.
    Kurz zum Thema Warteschleife: In unserem Call-Center arbeiten rund 1.900 Kolleginnen und Kollegen, die sich um die Anliegen unserer Kunden kümmern :-)

    Zu den Terminierungsentgelten: Da treffen sie weitgehend den Punkt. Neben den Einnahmen sinken natürlich an anderer Stelle auch die Ausgaben. Das gilt zumindest für Gespräche unter den Mobilfunkbetreibern. Bei Gesprächen zwischen Mobilfunk und Festnetz hingegen sinken für die Mobilfunker nur die Einnahmen – die Kosten bleiben gleich. Und wenn Sie als kleiner Betreiber sehr telefonaktive Kunden haben, dann ist es sehr wahrscheinlich, dass diese durch ihre Telefonate viele Terminierungskosten verursachen, weil sie bei einem preisagressiven Anbieter zumeist auch günstig telefonieren. Und so kommt es, dass jede Absenkung in diesen Terminierungsentgelten für E-Plus nicht nur im Umsatz sondern auch im EBTIDA Einbußen in Millionenhöhe bedeutet. Gut sichtbar in unseren kürzlich vorgestellten Jahresergebnissen.
    Herzliche Grüße
    Guido Heitmann

  2. Dass mit der Frequenzauktion die Mobilfunkanbieter extrem geschwächt werden kann ich gut nachvollziehen.

    Aber wenn die kostenlose Warteschleife den Betreibern ein Dorn im Auge ist, bekomme ich den Eindruck, dass bewusst nur 3 Mitarbeiter eingestellt werden, weil man dann mehr verdienen kann, als wenn dort 10 Leute sitzen würden, die sich schneller um die Probleme der Kunden kümmern würden. Kundenfreundlich ist das definitiv nicht!

    Was ich aber nicht begreife ist das Thema mit den Mobilfunkterminierungsentgelten. Hier verringern sich ja nicht nur die Kosten die der Anbieter des Angerufenen weniger bekommt, sondern es verringern sich auch die Kosten des Anbieters, wenn sein Kunde selbst woanders anruft. Somit sinken Einnahmen und Ausgaben doch fast gleichermaßen. Und auf welcher Seite mehr übrig bleibt, hängt vom Telefonierverhalten der Kunden ab.

    Entscheidend ist nur noch ob die eigenen Kunden mehr selbst anrufen oder mehr angerufen werden.

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